Block 1 im Museum Auschwitz-Birkenau. © René Wennmacher

Freiwilligendienst im Museum Auschwitz-Birkenau: Geschichte erleben, erinnern und handeln

Es sind bereits einige Wochen her seit dem mein Freiwilligendienst im Museum und der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau vergangen ist und dennoch denke ich ständig über meine Erlebnisse nach. Jeder Besuch im ehemaligen Konzentrations- und Vernichtungslager machte mich sprachlos und berührte mich zutiefst. Jedes Mal war es traurig, furchteinflößend und irgendwie unrealistisch. Zu unrealistisch, um das Gefühl zu haben, genug über den Holocaust, über die systematisch geplante Vernichtung von Menschen zu wissen.

Fahrt nach Auschwitz-Birkenau: Berge voller Gegenständen von ermordeten Menschen

Im Jahr 2011 führte meine Schule, die Anita-Lichtenstein-Gesamtschule in Geilenkirchen, zum ersten Mal eine Bildungsreise nach Krakau und Auschwitz durch. Meine Schule ist nach der ermordeten Jüdin Anita Lichtenstein, die in Geilenkirchen gelebt hat, benannt, weshalb die Schule ihren Namen nicht als bloßes Etikett, sondern als tagtäglichen pädagogischen Auftrag versteht. Partnerschaften mit Schulen in Polen und Israel, Studienreisen nach Auschwitz-Birkenau und Krakau, sowie die Zusammenarbeit mit der Initiative Erinnern sind Bemühungen, die Erinnerung an die schlimmste Epoche der deutschen Geschichte wach zu halten. Die Schülerinnen und Schüler sollen sich als wichtige Elemente dieser Erinnerungsarbeit begreifen und auch im täglichen Miteinander den Anderen so respektieren, wie sie selbst auch angenommen werden möchten. Auch ich fuhr gemeinsam mit meiner Klasse zur Gedenkstätte. Der Besuch von Auschwitz-Birkenau hat mich damals emotional sehr mitgenommen, aber grundlegend sensibilisiert und geprägt. Vor allem die persönlichen Gegenstände der ermordeten Menschen in den Lagerblöcken gesehen und den Auschwitz-Fotografen, Wilhelm Brasse, kennengelernt zu haben, beeindruckten mich.

Es war nun möglich die Beweise für den Holocaust selbst zu sehen, zu hören und somit einen ganz neuen Blick auf das größte und schlimmste Menschenverbrechen der Geschichte zu gewinnen. Heute studiere ich Polnisch und Geschichte auf Lehramt der Sekundarstufen I und II an der Universität Potsdam und habe auch teilweise in Polen gelebt, sodass ich mich mittlerweile mit Polen verbunden fühle. Während meines Auslandssemesters 2018 an den Instituten der Polonistik, Geschichte und Judaistik an der Jagiellonen-Universität in Krakau besuchte ich das ehemalige Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau erneut und entschied mich, ein fünfwöchiges Praktikum von August bis September 2019 anzuschließen.

Freiwilligendienst: Getragene Kinderschuhe und zerfallene Zahnbürsten

In den fünf Wochen arbeitete ich im Archiv, in der Konservierung und im Büro für die Angelegenheiten der ehemaligen Häftlinge. Meine Nächte verbrachte ich im ehemaligen Block der Kommandantur von Auschwitz I. Es war ein schreckliches und einschüchterndes Gefühl auf dem Gelände des Museums zu übernachten. Das ganze Gelände von Auschwitz, die Gaskammern, den Galgen und aus den Fenstern zu sehen sowie im Block der ehemaligen Kommandantur zu übernachten, war erschreckend. Das prägendste Erlebnis war für mich, nachts im Bett zu liegen und die vorbeifahrenden Züge in Oświęcim, der Stadt, in der sich das Museum Auschwitz-Birkenau befindet, zu hören, wohl wissend, was es vor 75 Jahren bedeutete, wenn sich ein Zug dem Lager näherte. Meine Zeit war von Albträumen, Furcht, Einschüchterung und Unsicherheit geprägt.

Ich war sehr oft mit meinen Gefühlen überfordert und musste meine Arbeit teilweise kurzfristig abbrechen, mit mir selbst ringen und kämpfen. Dies trat zum Beispiel ein, als ich die kleinen, zerbrechlichen Schuhe von ermordeten Kindern in der Hand hielt und ein wenig säubern musste. Es fielen noch kleine Steinchen und Tiere aus den Schuhen heraus und eröffneten den Blick auf den Fußabdruck, den das Kind vor seiner Ermordung hinterlassen hatte. Es verletzte mich zutiefst, zu wissen, dass dieses Kind, dessen Schuhe ich gerade in der Hand hielt, mit seiner gesamten Familie in der Gaskammer seinen Tod fand. Die Zahnbürsten von ermordeten Menschen in die Hand zu nehmen, um diese auf ihren Zustand zu untersuchen – das war eine weitere Arbeit, die bei mir Unruhe auslöste.

Kerzenniederlegung am Denkmal für die Opfer im ehemaligen Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau: Elke Büdenbender, Königin Mathilde von Belgien, René Wennmacher und Batszewa Dagan (v.l.). © René Wennmacher

Kerzenniederlegung am Denkmal für die Opfer des KZ Auschwitz-Birkenau: First Lady Elke Büdenbender, Königin Mathilde von Belgien, René Wennmacher und Batszewa Dagan (v.l.). © René Wennmacher

Was für ein schreckliches Gefühl es doch ist, wenn ein Stück dieses Beweismittels für den Holocaust in seine Einzelteile zerbrach. Was machen wir nun damit? Ist es unsere Schuld, dass die Beweise verloren gehen? Die Mitarbeitenden beruhigten mich und erklärten, dass es leider nicht ausbleibt, dass Objekte immer weiter zerfallen und wir den Prozess des Zerfalls nur verlangsamen können. Nach meinem fünfwöchigen Aufenthalt in Auschwitz stand für mich, trotz all der traurigen, aber prägenden Erfahrungen, schließlich fest, dass ich an der Gedenkfeier zum 75. Jahrestag der Auschwitzbefreiung helfen und teilnehmen möchte. Den Grundstein für dieses Engagement hat mir die Anita-Lichtenstein-Gesamtschule vor neun Jahren gelegt.

Als Freiwilliger bei der 75. Gedenkfeier der Auschwitzbefreiung

Es war ein seltsames und einschüchterndes Gefühl, als ich mich am 21.01.2020 erneut dem ehemaligen Konzentrations- und Vernichtungslager näherte, obwohl ich dieses bereits doch mehrmals besucht hatte. Auch jetzt bekomme ich wieder Gänsehaut, wenn ich an den Aufenthalt denke. Ich hatte allerdings erst später erfahren, dass mir das Komitee des Museums Auschwitz-Birkenau für die Gedenkfeier eine ganz besondere Aufgabe zugeteilt hatte.

Es ließ mir den Atem für einen kurzen Moment stocken, als ich erfuhr, dass ich dazu ausgewählt wurde, die Delegation der ehemaligen Auschwitzhäftlinge bei der Gedenkfeier zu begleiten und gemeinsam in Auschwitz-Birkenau Kerzen am Denkmal niederzulegen. Dem Gedenken beizutragen, wenn die gesamte Welt auf dieses Ereignis schauen würde. Dieses geschenkte Vertrauen bedeutet mir auch nach der Gedenkfeier zum 75. Jahrestag der Auschwitzbefreiung noch sehr viel.

Um 15.30 Uhr am 27.01.2020 fanden sich schließlich alle Gäste, Staatsoberhäupter, Diplomaten, ehemalige Auschwitz-Häftlinge und deren Nachkommen, sowie Freiwillige im großen Zelt ein, welches das Todestor von Auschwitz-Birkenau einschloss. Dort lernte ich die Delegation der ehemaligen Auschwitz-Häftlinge kennen: Batszewa Dagan, Elza Baker, Marian Turski und Stanisław Zalewski. Ich wurde überrannt von all meinen verschiedenen Emotionen, die ich vor Ort während der Gedenkfeier erlebte. Blickte ich von meinem Standpunkt nach rechts, stand ich nur wenige Meter von über 200 Auschwitz-Überlebenden entfernt und sah traurige Blicke, Tränen, die über das Gesicht flossen und schwere Bewegungen. Blickte ich nach links, lag das beleuchtete Todestor direkt vor mir. Ich fühlte mich erdrückt, gestresst, verspürte einen Kloß im Hals und das Atmen fiel mir immer schwerer, wenn ich den Geschichten und Mahnungen lauschte und dabei die Reaktionen der anderen Auschwitz-Überlebenden beobachtete.

Direkt vor mir ein jüdischer Mitbürger, der leicht in sich zusammenfällt und nur durch den Trost seiner Sitznachbarin zu beruhigen war. Ich fühlte Mitleid und großen Scham. Ich wusste nicht mehr, ob ich dieser verantwortungsvollen Aufgabe gewachsen war, die ehemaligen Auschwitz-Häftlinge zum Denkmal der Opfer zu begleiten und mit ihnen Kerzen niederzulegen. Irgendwann kam dann schließlich der Moment: Ich atmete tief ein und versuchte zu vergessen, dass die ganze Welt auf dieses Ereignis schauen würde. Ich konzentrierte mich auf die Aufgabe und erlebte einen Tunnelblick, der sich ausschließlich auf die Delegation der ehemaligen Auschwitz-Häftlinge und auf die Erinnerung an alle ermordeten Menschen einschränkte. Dieser Moment galt ausschließlich ihnen. So realisierte ich auch erst später, dass ich von der belgischen Königin Mathilde und Elke Büdenbender, der Ehefrau des deutschen Bundespräsidenten, begrüßt wurde, als wir zusammen mit Batszewa Dagan und Elza Baker die Kerzen am Denkmal niedergelegt hatten. Mein Freiwilligendienst endete mit dem Moment, als wir die Delegation der ehemaligen Auschwitz-Häftlingen wieder sicher zurück ins Zelt gebracht hatten. Dann wurde ich noch ins Zentrum für Dialog und Gebet in Oświęcim eingeladen, wo ich die Möglichkeit hatte, mich mit einigen Auschwitz-Überlebenden zu unterhalten.

Eine unvergessliche Begegnung mit Alina Dąbrowska

Persönliches Gespräch mit der Holocaust-Überlebenden Alina Dąbrowska im Zentrum für Dialog und Gebet. © René Wennmacher

Persönliches Gespräch mit der Holocaust-Überlebenden Alina Dąbrowska im Zentrum für Dialog und Gebet. © René Wennmacher

Ich traf dort auf Alina Dąbrowska, die in den Lagern Auschwitz, Ravensbrück und Buchenwald inhaftiert war. Die Überlebende schaute mich beim Abendessen ganz herzlichst an und lächelte mir zu. Alina Dąbrowska, Auschwitz-Häftling mit der Nummer 44165, habe ich als einen unglaublich starken, faszinierenden und herzensguten Menschen kennengelernt, der mich unfassbar berührt und mit ihrem großen Herzen zu Tränen gerührt hat. Ich versuchte, so lange wie möglich ihrer Geschichte zuzuhören, die sie mir erzählte und dabei auch das Tattoo aus Auschwitz offenlegte. Ich kann diese gemeinsame Zeit auch nach den vielen Tagen nicht in Worte fassen und muss es vielleicht auch nicht. Die Gedenkfeier zum 75. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung und das gemeinsame Gespräch mit Alina Dąbrowska werden mir immer in Erinnerung bleiben. Der Abschied äußerte sich in einer sehr emotionalen Umarmung und ich hoffe, dass ich ihr eines Tages nochmal begegnen werde.

Eine Herzensangelegenheit: Mein Appell an alle!

Diesen Bericht verfassend, appelliere ich gleichzeitig, dass wir alles daransetzen müssen, dass sich etwas derartiges Grauenhaftes wie der Holocaust nicht wiederholen darf. Wir sind dafür verantwortlich, dass Hass, Ausgrenzung und Gewalt nicht die Oberhand gewinnen, Antisemitismus nicht geduldet und toleriert wird. Ich glaubte noch bis vor kurzer Zeit, dass allein das Bewusstsein dafür, dass es den Holocaust gab, schon ausreichen würde, dass sich derartiges nicht wiederholen könne. Immerhin wird jährlich an die Ereignisse gedacht und weitere Denkmäler sollen diesbezüglich in der Bundeshauptstadt entstehen. Wir können täglich auf Stolpersteine treffen, die uns von Schicksalen verschiedener Menschen erzählen, die in der Zeit des Nationalsozialismus vertrieben, verfolgt, deportiert, ermordet oder in den Suizid getrieben wurden. Ich bin froh, dass wir eine solche Erinnerungskultur und -politik erleben, aber die Geschichten der Zeitzeugen werden wir in vielen Jahren nicht mehr aus primärer Quelle hören können. Wenn ich mir die gegenwärtigen Entwicklungen anschaue, dann ist ganz besonders noch mehr Aufklärung und unser Handeln und Protest gegen die Diskriminierung und Feindlichkeit anderen Menschen gegenüber eine Möglichkeit, die uns vor einer solchen Katastrophe schützen könnte. Wir sind dafür verantwortlich!

Es muss über die Geschichte erzählt werden. Es muss an sie erinnert werden. Es muss aktiv gehandelt werden. Die Erinnerung darf nicht verloren gehen. Auch du kannst dazu beitragen! #niewieder

 

 

Der 23-jährige René Wennmacher besuchte während seiner Schulzeit auf der Anita-Lichtenstein-Gesamtschule in Geilenkirchen erstmals Polen und das ehemalige Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Nach dem Abitur leistete er seinen Internationalen Jugendfreiwilligendienst an einer privaten polnischen Grundschule in Warschau, wo er den Lehrerinnen und Lehrern für Deutsch als Fremdsprache bei der Organisation und Durchführung des Deutschunterrichts als auch bei anderen schulischen Aufgaben zur Seite stand. Im Jahr 2019 schloss René sein Bachelorstudium in den Fächern Polnisch und Geschichte für die Sekundarstuden I und II an der Universität Potsdam und der Jagiellonen-Universität in Krakau ab. Während des Bachelorstudiums absolvierte er Praktika in der Deutschen Botschaft und im Deutschen Historischen Institut in Warschau sowie im Polnischen Institut in Berlin. Seit Oktober 2019 setzt er sein Masterstudium an der Universität Potsdam fort. Neben dem Masterstudium ist René als Mitarbeiter des Pilecki-Instituts in Berlin tätig.

 

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