Auf Spurensuche in polnischer Geschichte und Politik

Von Ricarda Lindau

Die 20-jährige Ricarda wäscht im polnischen Nationalarchiv in Olsztyn alte Kupferstiche. © Ricarda Lindau

Die 20-jährige Ricarda wäscht im polnischen Nationalarchiv in Olsztyn alte Kupferstiche. © Ricarda Lindau

Unser Nachbarland lernte ich während eines Schulaustausches in der neunten Klasse kennen. Bereits in diesen drei Wochen fühlte ich mich in meiner polnischen Gastfamilie in Łódż wie Zuhause. Der Zufall führte mich nach dem Abitur erneut nach Polen, denn bei meiner Bewerbung für den Europäischen Freiwilligendienst kam die Zusage aus Olzstyn in Masuren. Als ich im August 2013 den Berlin-Warszawa-Express bestieg, hätte ich selbst am wenigsten geglaubt, dass mich dieser Zufall auch noch überzeugt, drei weitere Jahre für mein Studium in Polen zu verbringen.

Damals hatte ich eigentlich keine wirklichen Erwartungen an das, was vor mir lag. Fest stand nur, es werden zwölf Monate Freiwilligendienst in der masurischen Seenlandschaft. Und ich hätte nicht gedacht, dass ich in meiner deutsch-italienischen WG eine Ersatzfamilie finde, polnische „imprezy“ (Partys) mit einheimischen Polen feiere und zahlreiche Einblicke in die lokale Geschichte erhalte!

Die Europäische Union fördert unzählige Projekte für Freiwillige, unter anderem den Europäischen Freiwilligendienst (EFD), den junge Erwachsene in allen Ländern Europas antreten können. Bei meinem EFD konnte ich das Arbeitsfeld des „Archiwum Państwowe“, dem polnischen Nationalarchiv, in Olsztyn kennenlernen. Durch zahlreiche Tätigkeiten lernte ich die Vielfalt von historischen Dokumenten und der damit verbundenen wechselvollen regionalen Geschichte kennen. Die Spanne der Aktenmeter reichte von kommunistischen Beschlüssen bis zur ostpreußischen Zeit der Königsberger Universität. Am meisten Spaß hatte ich beim Restaurieren. Dabei rettete ich SS-Ausweise, Berliner Zeitungen und Kupferstiche vorm Verfall. Nie hätte ich gedacht, dass Waschen und Bügeln effektive Methoden des Restaurierens sind. Es erfordert viel Geduld, um hauchdünne Seiten von Staub und Sand freizupinseln oder gar zusammen zu puzzeln.

Das überschaubare Olsztyn war als Start meiner polnischen „Auswandererkarriere“ genau die richtige Stadt zum Leben und Arbeiten. Als Ausländer waren wir Freiwillige oft Objekt der Neugier und durch die Gespräche mit Einwohnern herausgefordert, das langsam wachsende polnische Vokabular anzuwenden.
Mit den masurischen Seen verbinde ich ein Sehnsuchtsgefühl, da ich neben der wunderschönen Landschaft an zahlreichen Orten viel von der polnischen Gastfreundschaft erlebt habe. In Erinnerung bleiben mir auch meine Rundreisen durch kleine Ortschaften wie Augustów, Giżycko und Mikołajki.

Sonnenuntergang am See Kortowo in Olsztyn. Ricarda genoß dort ihre freie Zeit während des EFD im Mai 2013. © Ricarda Lindau

Sonnenuntergang am See Kortowo in Olsztyn. Ricarda genoß dort ihre freie Zeit während des EFD 2013. © Ricarda Lindau

Die Erfahrungen im Zusammenleben mit den anderen Freiwilligen möchte ich nicht missen. Das friedliche Miteinander und die Solidarität unter den jungen Leuten haben mir gezeigt, warum das kriegerische Europa inzwischen sicher im Archiv verwahrt ist und hoffentlich für immer dort bleibt.

Um die politische Welt besser zu verstehen, habe ich beschlossen, Internationale Beziehungen zu studieren. Und warum als Deutsche in Polen? Die altehrwürdige Jagiellonen Universität in Krakau bot mir genau das passende Programm auf Englisch. Mein Polnisch war nach einem Jahr noch nicht reif genug für philosophische und politische Lektüre. Also entschied ich mich nach meinem Freiwilligendienst im September 2014 für ein Studium in Krakau. Inzwischen kann ich mir kaum vorstellen, woanders als in der heimlichen Hauptstadt Polens zu leben.

Meine Kommilitonen kommen aus der ganzen Welt. Tatsächlich ist es ebenso wahrscheinlich einen Polen aus Warschau wie einen aus Chicago zu treffen. Mit vielen meiner Kommilitonen wohne ich in einem Studentenwohnheim, die es in Polen wesentlich zahlreicher als in Deutschland gibt. Die Zimmer sind mit Zwei- manchmal auch Dreibettzimmer eingerichtet, aber daran habe ich mich schnell gewöhnt. Auf so begrenztem Raum muss man natürlich öfter improvisieren – wie die Polen sagen „kombinować“. Das Improvisieren bzw. Kombinieren habe ich mir mittlerweile auch angeeignet. Die polnische Einstellung ist dabei, dass kein großer Werkzeugkasten für einen funktionierenden Haushalt notwendig ist.

Das allgemeine Interesse am politischen Tagesgeschehen ist sogar bei polnischen Studenten gering, aber meine engagierten Professoren lassen momentan immer mal wieder ein paar Wörter über den aktuellen Präsidentschaftswahlkampf fallen.

Krakau in weiß-roten Farben für den Unabhängigkeitstag am 11. November 2014. © Ricarda Lindau

Krakau in weiß-rot geschmückt für den Unabhängigkeitstag am 11. November 2014. © Ricarda Lindau

Wie extrem auch in Polen manche politischen Strömungen ausfallen, zeigt sich immer wieder am Unabhängigkeitstag, dem 11. November. Es kommt regelmäßig vor, dass die rechten Hooligans dabei die Warschauer Innenstadt verwüsten und mit Steinen und Feuerwerkskörpern agieren. Die Parade in Krakau ist weitaus friedlicher, doch polemische Plakate der Opposition fehlen auch hier nicht. Beides habe ich selbst gesehen und fühle mich dann als neugierige Beobachterin, aber doch als Ausländerin.
Auch der friedliche Patriotismus, der mit vollem Herzen mit Flaggen und Militär zur Schau gestellt wird, erscheint mir fremd. Es bleibt faszinierend, wie eine (oft leidvoll) geteilte Geschichte, zweier Länder die Völker so unterschiedlich beeinflusst hat. Es ist schön immer wieder Menschen zu treffen, deren Meinung in Bezug auf die jetzigen Deutschen durch die Geschichte nicht beeinflusst wurde. Manchmal kann Völkerverständigung durch ein Lächeln ausgedrückt werden. Das habe ich in Polen häufig erlebt.

Diese Menschen treffe ich im nächtlichen Treiben von Kazimierz. Obwohl der Plac Nowy inzwischen von Touristen und Erasmus-Studenten entdeckt wurde, finden sich an bestimmten Orten und zu bestimmten Zeiten noch Einheimische. Dabei sind Altersgruppen durchmischt, unter anderem gibt es viele Künstler und Intellektuelle, die sich hier seit ihrer Jugend austauschen. Dieses Krakau ist vermutlich so repräsentativ wie Berlin für Deutschland, aber umso faszinierender für mich als Deutsche. Um den Genuss der polnischen Küche zu schmecken, gehören definitiv die köstlichen Zapiekanki am Plac Nowy auf den Speiseplan, die auch um Mitternacht gekauft werden können. Und wenn es dann zum Feiern auf die polnische Art weitergeht, kann gestaunt werden, denn die polnischen Männer können wirklich tanzen! Dass diese lokale Kulturgemeinschaft durch die noch immer gelebten jüdischen Traditionen und Bräuchen viele Künstler inspiriert hat, ist klasse.

Auch mein Lieblingsschriftsteller Sławomir Mrożek liegt in Krakau begraben. In seinen Theaterstücken kritisiert er Totalitarismus und Kommunismus mit Mitteln des Absurden Theaters. Fast alle seine Werke entstanden im französischen Exil, nachdem er aufgrund seiner spitzfedrigen Sammlung an Kurzgeschichten in „Der Elefant“ vor der polnischen Führung flüchten musste. Eine Geschichte handelt von einem aufrichtigen Wetterstationswart, dessen Ehrlichkeit ihn zur Verzweiflung bringt. Bei den ganzen Regenwolken kann er einfach nicht den von der Parteilinie geforderten Sonnenschein aufzeichnen… Das politische Klima hat sich seit diesen Zeiten geändert, aber die Kreativität ist der Kulturhauptstadt Krakau erhalten geblieben. Das erlebe ich nicht nur in der malerischen Altstadt. Ich finde sie auch in versteckten Nischen wie dem Kulturzentrum in Nowa Huta. Diese Vorstadt, ein Musterbeispiel sozialistischer Architektur, wird völlig zu Unrecht gemieden! Inzwischen gibt es schon nostalgische Kommunismusführungen und hoffentlich leistet auch die neue schnellere Tramstrecke ihren Beitrag, damit mehr Menschen diesen Stadtteil kennenlernen. Die öffentlichen Verkehrsmittel bringen einen auch zu entfernten Aussichtspunkten, wie dem Kopiec Krakusa, auf dem ich stolz einen Panoramablick über meine schöne große Studienstadt genießen kann.

Meine Eindrücke aus dem Nachbarland halte ich in Artikeln und Reportagen fest. Diese veröffentliche ich auf meinem Blog Rica in Polska bei Youthreporter, einem Projekt von Erasmus+, bei dem junge Erwachsene über ihre Zeit im europäischen Ausland berichten. In meinen Texten versuche ich, polnische Sichtweisen für meine deutschen Leser verständlich darzustellen.

Seit sieben Monaten wohne ich nun in Krakau, dennoch ist meine Liste an Sehenswürdigkeiten und Reisezielen lang. Bis zu meinem Bachelorabschluss im Juni 2017 bleibt mir noch Zeit, um Krakau und Polen zu erkunden.

Pozdrawiam z Krakowa,

Ricarda

 


 „Post aus …“

In der Rubrik „Post aus …“ berichten deutsche Studierende, Praktikanten und Freiwillige über ihre Zeit in Polen. Sie schreiben über Erlebnisse, Erfahrungen und Eindrücke. Gleichzeitig vergleichen sie Deutschland und Polen und zeigen Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Nachbarländer auf.

Berichte über Deine Zeit in Polen!

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