Polen als zweites Zuhause

Von Paula Kisse

Paula vor der Trinitatiskirche in Warschau. © Paula Kisse

Paula vor der Trinitatiskirche in Warschau. © Paula Kisse

Dzień dobry!

Seit Oktober 2014 lebe ich als Freiwillige in Warschau. In den letzten sechs Monaten habe ich viel erlebt und zahlreiche Erfahrungen gemacht. Eins kann ich jetzt schon sagen: Diese Zeit war die intensivste meines Lebens.

Ganz am Anfang stand die Entscheidung für ein Jahr im Ausland. Für einen Freiwilligendienst entschloss ich mich schon in der gymnasialen Oberstufe, da ich nach der Schule neue Erfahrungen in einem anderen Land sammeln und selbstständiger werden wollte. Dass ich dieses in Polen antreten würde, stand erst kurze Zeit vor dem Start fest. Im Internet entdeckte ich die Organisation Evangelische Freiwilligendienste. Ich bewarb mich und bekam den Vorschlag, ein diakonisches Jahr in der Diakonie Polen im Büro Warschau anzutreten. Meine erste Reaktion auf das Angebot war etwas verhalten. Polen? Darüber hatte ich vorher nicht nachgedacht, denn Polen war für mich bis dahih nur eine graue Stelle auf der Landkarte. Die Vorstellung, in einer Großstadt wie Warschau zu leben, gefiel mir aber sehr gut.

Ich lebe in einem Studentenwohnheim im Zentrum von Warschau und arbeite drei Tage die Woche im Büro der Diakonie. Die Polnische Diakonie koordiniert Projekte für hilfsbedürftige Menschen. Im Rahmen dieser Arbeit ermöglicht sie jungen Leuten am Europäischen Freiwilligendienst teilzunehmen. Dieser wird innerhalb des Erasmus+ Programms von der Europäischen Kommission finanziert. Das Warschauer Büro koordiniert alle Aufgaben der evangelischen Diakonie in Polen und kümmert sich um internationale Kooperation, vor allem in Zusammenarbeit mit der Diakonie Deutschland.

Bild: Der Marktplatz in Warschau weihnachtlich erleuchtet im Dezember 2014.

Der Marktplatz in Warschau weihnachtlich erleuchtet im Dezember 2014. © Paula Kisse

Meine Aufgaben sind vielfältig. Dazu zählen Übersetzungen auf Englisch, das Verfassen von Berichten und Artikeln sowie allgemeine Büroarbeiten. Jeden Tag kommen neue Aufgaben auf mich zu. In einigen Monaten, wie etwa vor Weihnachten, gibt es viel zu tun. Andere Monate sind ruhiger.
Einmal die Woche fahre ich ins Altenheim. Dort besuche ich ältere Leute und verbringe Zeit mit ihnen. Wir unterhalten uns auf Polnisch, spielen Gesellschaftsspiele und sie erzählen mir von ihrem Leben. Einige von ihnen sprechen sogar Deutsch.

Des Weiteren helfe ich in der Evangelisch-Lutherischen Gemeinde, zum Beispiel bei den Kindergottesdiensten. Mir gefällt das Gemeindeleben der Trinitatiskirche. Es gibt viele Veranstaltungen und ich treffe immer jemanden, den ich kenne, da die Gemeinde so klein ist. Dass die Gemeinde in Warschau so klein ist, liegt auch daran, dass nur 0,3 Prozent der Einwohner Polens evangelisch sind. Die Evangelisch-Augsburgische Kirche, der diese Gemeinde angehört, hat etwa 62.000 polnische Mitglieder. Viele deutsche Lutheraner wurden nach dem Zweiten Weltkrieg aus Polen vertrieben. Der größte Anteil an Lutheranern lebt heute im südpolnischen Schlesien.

Die evangelisch-lutherische Kirche in Polen ist sehr konservativ. Beispielsweise gibt es erst jetzt Überlegungen, die Frauenordination einzuführen. Frauen können bisher nur Diakonin, aber nicht Pfarrerin, werden. Für mich als Norddeutsche aus einer Gemeinde mit Pfarrerin ist das ungewohnt.

Der Platz Pilsudskiego in Warschau mit dem Grabmahl des unbekannten Soldaten und dem Kulturpalast im Hintergrund.  © Paula Kisse

Der Platz Pilsudskiego in Warschau mit dem Grabmahl des unbekannten Soldaten und dem Kulturpalast im Hintergrund. © Paula Kisse

Mein Bild von Polen hat sich vollständig geändert. Ich kann nicht mehr verstehen, warum Polen den meisten Deutschen so unbekannt und uninteressant erscheint. Dabei haben Polen und Deutschland eine gemeinsame Geschichte und viele Vorfahren deutscher Familien stammen aus Polen.

Mir gefällt die polnische Kultur mittlerweile sehr gut. Vor allem das Essen, die festlichen Traditionen, das Familienleben, das den Polen sehr wichtig ist und die Gastfreundschaft. Häufig werde ich eingeladen, ob zu jemanden nach Hause oder zu Veranstaltungen. Besonders die Gemeinde organisiert häufig Treffen.

Mittlerweile fällt mir auch die polnische Sprache leichter. Es ist schön, immer mehr zu verstehen und sprechen zu können. Vor allem schrecken die sieben Fälle im Polnischen, in der sogar die Eigennamen dekliniert werden,  zunächst ab. Mir sind auch Ähnlichkeiten mit der deutschen Sprache aufgefallen. Nicht nur einzelne Vokabeln, sondern viele Strukturen sind ähnlich.

Es war eine besondere Erfahrung für mich, als Ausländer in einem anderen Land zu leben. Ich kann jetzt etwas besser verstehen, wie sich Ausländer in Deutschland fühlen. Wer die Sprache nicht spricht, ist immer eingeschränkt und auf Hilfe angewiesen. Auch Dinge, die im Heimatland leicht zu erledigen sind, fallen im Ausland schwer und ich merkte oft, dass ich aufgrund meines gebrochenen Polnisches von der Person mir gegenüber nicht Ernst genommen werde.

Das Denkmal des Warschauer Aufstandes vor dem Gebäude des obersten Gerichtshofs. © Paula Kisse

Das Denkmal des Warschauer Aufstandes vor dem Gebäude des obersten Gerichtshofs. © Paula Kisse

Neben der Arbeit habe ich viel Zeit, um Warschau zu erkunden. Die Hauptstadt hat zahlreiche Kulturveranstaltungen und spannende Museen, zum Beispiel über die Geschichte der polnischen Juden oder den Warschauer Komponisten Chopin, zu bieten. Auch Besuche in verschiedenen Stadtteilen lohnen sich, zum Beispiel Wilanów mit dem Königspalast und den wunderschönen Gärten oder das hippe Praga mit zahlreichen Bars.

Von Anfang an hat mich fasziniert, dass die Geschichte des Zweiten Weltkriegs hier so präsent ist! Besonders viele Denkmäler und ein beeindruckendes Museum erinnern an den Warschauer Aufstand 1944.

Eine tolle Möglichkeit ist es, dass das Reisen in Polen so günstig ist. Bisher haben mir besonders Krakau und Danzig gefallen und auch Wanderungen in den Karpaten in Südpolen habe ich sehr genossen.

Auf den Seminaren, die von dem Freiwilligenprogramm angeboten werden, konnte ich auch schon einiges von Polen kennenlernen. Die Seminare finde ich toll, weil sie die Möglichkeit bieten, viele Jugendliche aus verschiedenen Ländern Europas kennenzulernen.

Mein Fazit nach sechs Monaten ist: Ein Auslandsjahr in Polen lohnt sich! Zu den einzigartigen Erfahrungen zählen: mit der Sprache kämpfen und dann merken, dass es immer leichter fällt, viele besondere Menschen kennenlernen, auf andere Einstellungen und Haltungen treffen und vor allem Polen entdecken und ein zweites Zuhause finden!

Pozdrawiam serdecznie,
Paula


 „Post aus …“

In der Rubrik „Post aus …“ berichten deutsche Studierende, Praktikanten und Freiwillige über ihre Zeit in Polen. Sie schreiben über Erlebnisse, Erfahrungen und Eindrücke. Gleichzeitig vergleichen sie Deutschland und Polen und zeigen Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Nachbarländer auf.

Berichte über Deine Zeit in Polen!

Hast auch Du ein Semester, Jahr oder Urlaub in Polen verbracht und möchtest anderen jungen Erwachsenen davon berichten, dann schreib uns. Wir freuen uns über Deine Nachricht an grenzenlos@polen.pl.

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