Steffen Möller in einem Berliner Café. © Natalie Junghof

Verliebt in Warschau: Steffen Möller im Gespräch

Er ist einer der bekanntesten Deutschen in Polen. Wer einem Polen seinen Namen nennt, bekommt häufig zu hören: „Den kenne ich als deutschen Kartoffelbauern aus dem Fernsehen!“. Der Kabarettist Steffen Möller schaffte 2002 in der Telenovela „M jak miłość“ („L wie Liebe“) als Landwirt „Stefan Müller“ den polenweiten Durchbruch. Seitdem ist der Komiker nicht mehr aus der polnischen Unterhaltungswelt wegzudenken. Ob als Schauspieler, Moderator, Stand-up-Comedian oder Werbegesicht für Rasierklingen – Möller begeistert sein deutsch-polnisches Publikum. Im März dieses Jahres erscheint sein neues Buch „Viva Warszawa – Polen für Fortgeschrittene“. Grenzenlos traf den 46-jährigen Wahl-Polen in Berlin. Bei einer Tasse schwarzem Tee und einer Portion Spiegelei mit Speck sprach er über seine Pläne und seine große Liebe: Warschau.

Steffen, Du hast in den vergangenen zwei Jahren eine Auszeit genommen. Das Sabbatjahr brauchen normalerweise gestresste Lehrer. Wofür hast Du die Zeit genutzt?

Ich hatte 2012 unglaublich viele Veranstaltungen und 120 Auftritte. Das war ein bisschen viel, deshalb habe ich in den beiden Jahren weniger gemacht und an „Viva Warszawa“ geschrieben. Neben ein paar Auftritten habe ich Firmen-Events moderiert und deutsch-polnische Kulturseminare gegeben. In diesem Jahr geht’s wieder los: Das neue Buch steht vor der Tür!

Am 9. März erscheint Dein neues Buch „Viva Warszawa!“. Was gibt es noch über unsere Nachbarn zu berichten, was wir nicht schon aus Deinen anderen Büchern kennen?

Buchcover: Steffen Möller sitzt vor dem Warschauer Kulturpalast © Piper Verlag

Es geht dieses Mal um Warschau. Der Untertitel des Buches ist „Polen für Fortgeschrittene“, denn Polen für Anfänger ist Krakau. Viele Deutsche wollen unser Nachbarland kennenlernen, machen aber einen großen Fehler, sie fahren zum Polen-Basar an die Grenze hinter Frankfurt Oder. Dann kaufen sie ein paar Pilze am Straßenrand und gehen vielleicht noch zum Zahnarzt. Ich sage: „Nein, ihr müsst Polen da kennenlernen, wo es am stärksten ist!“. Warschau hat eine wahnsinnig interessante Geschichte. Es gibt geschichtliche Texte in meinem Buch, etwa über den Zweiten Weltkrieg. Gleichzeitig habe ich einige Kapitel über das heutige moderne Warschau geschrieben. Warschau hat meiner Meinung nach nicht nur das schönste Hochhaus Europas, den 1955 erbauten Kulturpalast, sondern auch das schönste Fußballstadion. Ich beschreibe außerdem eine Fahrt über die Weichsel, auf der man unglaubliche Dinge entdecken kann. Nicht zu vergessen sind all die verrückten Menschen, die in der Hauptstadt leben. Das alles wissen viele Deutsche nicht, aber das wird sich ändern, wenn mein Buch erscheint!


Junge Leute, die ins Ausland gehen, um zu studieren oder ein Praktikum zu machen, entscheiden sich häufig für warme oder englischsprachige Länder. Warum lohnt es sich, nach Polen zu gehen?

Polen ist ein aufstrebendes Land. Es gibt seit Jahren ein Wirtschaftswachstum. Das ist eine boomende Gesellschaft, was von anderen Ländern Europas zurzeit nicht behauptet werden kann. Selbst in den schwärzesten Krisenzeiten, wie etwa 2009, hatte Polen immer noch ein Wirtschaftswachstum – und das als einziges Land der Europäischen Union. Ich bin viel unterwegs und sehe überall im Land neue Firmen, die aus dem Boden wachsen. Dabei gibt es extrem viele deutsch-polnische Kooperationen. Mich persönlich haben die wirtschaftlichen Gründe nicht interessiert, als ich nach Polen gegangen bin. Es gibt Menschen, die wollen dahin, wo alle hingehen, zum Beispiel in den Urlaub nach Mallorca und zum Studieren nach England. Für andere ist das langweilig, sie reisen nach China oder Nordkorea. Nach meinem Studium hatte ich genug von meinem Leben in Deutschland! Ich mag es, wenn es irgendwie ähnlich ist, aber doch anders. Und da ist Polen ideal! Das Land bietet neue Perspektiven. Das fängt bei der Landschaft an, geht über die Städte und hört nicht zuletzt bei dem guten Ruf der Deutschen auf. Viele Deutsche wissen nichts von ihrer Beliebtheit in unserem Nachbarland. Das Problem sind unsere Schranken im Kopf – unser Nichtwissen.

Auf Deinen Reisen durch Polen und Deutschland bist du häufig mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs. Du schreibst in Deinem letzten Buch „Expedition zu den Polen“ über Erlebnisse im Berlin-Warszawa-Express. Warum fährst Du eigentlich mit dem Zug? Liegt es an den noch nicht fertiggestellten Autobahnen in Polen?

Steffen Möller hält sein letztes Buch und polnische Hausschuhe in den Händen. © Natalie Junghof

Ich gebe zu, ich habe in Polen einen Widerwillen gegenüber Autos entwickelt. Wenn ich mit meinem Manager fahre, dann sitze ich immer etwas verkrampft auf dem Beifahrersitz. Im Zug fühle ich mich einfach wohler. Ich kann an meinem Laptop arbeiten und muss mich nicht am Haltegriff festhalten. Ich kann essen und vor allem viele Leute kennenlernen.

Vor Kurzem ist ein Buch erschienen, in dem Polen als „das neue Italien“ beschrieben wird. Was denkst Du, meint der Autor damit?

Das hat der von mir geklaut! Da bin ich sicher, da ich seit Jahren sage, dass Polen das Italien des Nordens ist. Die Aussage würde ich sofort unterschreiben! Die Polen sind auch extrovertiert wie die Italiener, aber es ist nicht ganz wie in Italien, denn es ist die Variante des Nordens. In Polen sind die Leute zunächst nicht so „furchtbar“ nett. Erst, wenn man „an der Oberfläche kratzt“ und ein paar Sätze auf Polnisch sagt, dann fliegen einem die Herzen zu, und die Leute sind sehr offen. Kannst Du drei Sätze auf Polnisch sagen, bist du schon in einer Talkshow als bester Ausländer angemeldet.

Ein bekannter deutscher Comedian hat über das Pilgern auf dem Jakobsweg geschrieben. Danach gab es zahlreiche Nachahmer. Gab es auch nach Deiner Liebeserklärung an Polen ähnliche Reaktionen?

Es gab viele Leser, die mir nach „Viva Polonia“ und „Expedition zu den Polen“ geschrieben haben. Unter anderem waren das Studenten, die nach Warschau gegangen sind, Touristen, die Reisetipps anforderten und deutsche Ehemänner, die Probleme mit ihren polnischen Frauen haben. Es gab auch Mails von deutschen und polnischen Arbeitgebern sowie Arbeitnehmern, die Kommunikationsprobleme miteinander hatten. Viele Konflikte lassen sich durch einen professionellen Übersetzer und guter Kommunikation vermeiden oder ausräumen.

Was können Deutsche von Polen lernen?

Einiges! Was habe ich in Polen gelernt? Zum Beispiel bin ich heute höflicher. Ich helfe den Damen in den Mantel. Ich lasse ihnen den Vortritt, wenn ich in den Aufzug gehe. Dann fahre ich mit dem Aufzug hoch und stürme nicht raus, sondern warte, bis die Damen rausgehen. Ich kaufe Blumen am 8. März, dem Tag der Frau. Nach dem Essen stehe ich auf und sage zu allen, die am Tisch sitzen „Dziękuję!“ („Danke!“), um für die Gesellschaft zu danken. Das Hauptproblem zwischen Deutschen und Polen sind aus deutscher Sicht zwei Dinge. Erstens ist das die Planung. Die Deutschen lieben es, alles durchzuplanen und regen sich auf, wenn mal etwas nicht nach Plan läuft. Die zweite Sache ist die Kommunikation. Die Deutschen sind Kommunikationsfetischisten. Sie müssen alles bis ins Kleinste besprechen, abgesehen vom Privatleben. Privates und Berufliches gehört aus Sicht vieler Deutscher nicht zusammen. In Polen, wie auch vielen anderen Ländern, gibt es da keine klare Trennung.

Und was können Polen von Deutschen lernen?

Polen können lernen, direkte Kritik zu üben und einzustecken. Die Deutschen sind Weltmeister im Kritisieren. Kritisieren ist einfach, aber Kritik zu ertragen ist schwer und deshalb eine große Kunst. In Polen wird keine direkte Kritik geübt. Das erschwert viele Dinge, Menschen sind nachtragend, und das geht über Jahre. Besser ist es, die Dinge direkt anzusprechen, und da wären wir wieder bei der Kommunikation, die auf beiden Seiten ablaufen sollte.

Was fasziniert dich nach so vielen Jahren immer noch an unserem Nachbarland?

Da könnte ich jetzt viel aufzählen, aber ich habe vor Kurzem einen interessanten Kommentar gehört. Ich war Teilnehmer einer Podiumsdiskussion und habe abwechselnd Deutsch und Polnisch gesprochen. Plötzlich meldete sich ein deutscher Teilnehmer und meinte „Wie kommt es eigentlich, dass Sie sympathischer wirken, wenn sie Polnisch reden?“ In diesem Moment hatte ich das Gefühl, etwas in meinem Leben richtig gemacht zu haben. Vielleicht geht es darum, das Land zu finden, in dem man sympathischer ist. Sobald ich Polnisch spreche, gebe ich mir mehr Mühe, und vielleicht lache ich öfter. Wenn ich Englisch gesprochen habe, war das nie so. Ich kann nur jedem empfehlen: „Finde das Land, in dem Du sympathisch bist!“. Vielleicht stellt sich am Ende heraus, dass es Deutschland ist!?

Was sind Deine Pläne für 2015?

Bis zum Sommer habe ich etwa 20 Auftritte und halte Lesungen für mein neues Buch. Einige Fernsehauftritte sind geplant. In erster Linie werde ich rumtouren, deutsch-polnische Ehen stiften und das Leben in meiner zweiten Heimat Warschau genießen.


Über Steffen Möller

Steffen Möller in einem Berliner Café. © Natalie Junghof

Steffen Möller in einem Berliner Café. © Natalie Junghof

Steffen Möller ist am 22.01.1969 in Wolfhagen bei Kassel geboren. Möller wuchs in Wuppertal auf und studierte in Bochum Philosophie und Evangelische Theologie. Mit 22 machte er seinen ersten Polnischkurs in Krakau und verliebte sich in das Land. Von 2002 bis 2008 spielte er in der Fernsehserie „M jak miłość“ („L wie Liebe“) einen deutschen Kartoffelbauern und veröffentlichte 2008 sein erstes Buch „Viva Polonia – Als deutscher Gastarbeiter in Polen“. Es verkaufte sich deutschlandweit 250.000 Mal und wurde zum Spiegel-Bestseller. Im Jahr 2012 veröffentlichte der Autor seinen zweiten Bestseller „Expedition zu den Polen – Eine Reise im Berlin-Warszawa-Express“, der über 120.000 Mal über die Ladentheke ging. 2012 begleitete der Comedian die deutsche Nationalmannschaft bei der EM in Polen und trat in zahlreichen Fernsehshows auf. Heute lebt Möller in Berlin und Warschau.

Natalie fasziniert die polnische Kultur seit ihrer Kindheit. Das Reisen im Nachbarland macht ihr besonders viel Spaß. Bei Polen.pl ist die Medienwissenschaftlerin als Redakteurin für das Online-Portal Grenzenlos: Deutsch-polnische Jugendthemen verantwortlich.

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