Post aus Krakau!

„Schau doch mal bei Google Maps nach, wo Krakau eigentlich genau liegt!“ – das waren die ersten Worte meines Vaters als die sehnlichst erwartete Zusage für meinen Freiwilligendienst ins Haus flatterte. Wo Krakau liegt, wusste ich bis dahin selbst nicht genau. Auch von Polen hatte ich zuvor nicht viel bis auf die typischen Stereotype gehört. Würde mich heute, ein halbes Jahr nach meiner Rückkehr nach Deutschland, jemand auffordern, die südpolnische Stadt zu verorten, müsste ich nur auf meinen Brustkorb zeigen. Dabei würde ich an einen der ersten Sätze denken, den ich auf Polnisch gelernt habe: „Moje serce należy do Ciebie!“, das auf Deutsch so viel bedeutet wie: „Mein Herz gehört zu Dir!“.

Wie ist es dazu gekommen, dass ich, ein 20-Jähriges Nordlicht mit dem frischen Abitur in der Tasche, mein Herz an das Land der schönsten Zischlaute, der hübschesten Folklore-Muster und der entspanntesten Menschen, verloren habe? Es begann mit meiner großen Neugier auf den „unbekannten Osten“, die mich antrieb, Polen näher kennenzulernen. Ich beschloss deshalb von September 2013 bis August 2014 einen Freiwilligendienst in Polen anzutreten, um das Leben im Nachbarland live zu erleben. Dabei nahm ich an dem Freiwilligenprogramm von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste e.V. (ASF) teil und lebte ein Jahr in einer Wohngemeinschaft in Krakau.

Die Organisation ASF setzt sich in Erinnerung an die unmenschlichen Verbrechen des Zweiten Weltkrieges in zahlreichen Arbeitsfeldern für interkulturellen Austausch, Versöhnung und gegen Diskriminierung und Ausgrenzung ein. Mit diesem Anliegen engagierte ich mich in der offenen Altenarbeit beim Maximilian-Kolbe-Werk im Krakauer Zentrum und in einem Bildungszentrum der Pater-Siemaszko-Stiftung in Piekary bei Krakau.

Bei meiner Arbeit im Bildungszentrum „Radosna Nowina 2000“ („Frohe Botschaft 2000“) in Piekary habe ich Deutsch und Englisch für Kinder und Jugendliche unterrichtet, afrikanische Masken gebastelt, Improvisationsstücke geleitet, Drachen getöpfert, das ABC gesungen, Tiere imitiert, Memory gespielt, den drohenden Zeigefinger gehoben und Tränen getrocknet – eine Menge Verantwortung, an der ich gewachsen bin. In besonderer Erinnerung blieben mir zudem einmalige Jugendbegegnungen, die ich organisiert und durchgeführt habe. Bei dem Seminar „Crossing Borders“ („Grenzen überschreiten“) etwa galt es, persönliche Vorurteile und Hemmungen zu überschreiten, offen in der internationalen Gruppe über Erfahrungen mit Multikulturalismus sowie Migration zu sprechen und kulturelle Unterschiede zu respektieren.

Die Krakauer St. Marienkirche auf dem großen Marktplatz in Krakau bei Nacht. © Katharina Gloe

Die Krakauer St. Marienkirche auf dem großen Marktplatz in Krakau bei Nacht. © Katharina Gloe

In meinem zweiten Projekt, der offenen Altenarbeit für das Maximilian-Kolbe-Werk hatte ich die Ehre, eine ganz besondere Frau zu begleiten. Frau K. konnte auf 97 spannende Lebensjahre zurückblicken: eine Kindheit und Jugend in Deutschland und Polen, eine menschenunwürdigende Haft im Konzentrationslager Stuffhof bei Danzig sowie das Leben nach ihrer Befreiung im damals kommunistischen Arbeiterviertel von Krakau. Die gemeinsame Zeit mit Frau K. hat mich sehr geprägt und ich werde sie stets in Erinnerung behalten.

Neben meiner Arbeit blieb genügend Zeit, um große und kleine Reisen zu unternehmen. Dabei beobachtete ich unter anderem Eisschollen in der Ostsee auf dem Hafensteg in Sopot, tanzte auf dem Woodstock Festival in Kostrzyn nad Odrą und verrenkte mir den Hals beim Blick auf die Wolkenkratzer in Warschau.

Wieder in Deutschland angekommen habe ich von meinem Aufenthalt in Polen viel Gepäck mitgebracht. Zu den wertvollen Dingen gehören zahlreiche Geschichten, meine Polnischkenntnisse, die Erinnerung an gutes fettiges Essen und viele liebe Freunde. Während der Auslandszeit ist mir zudem klar geworden, was ich nach meiner Rückkehr in Deutschland machen möchte. Ich studiere mittlerweile im ersten Semester Kulturwissenschaften in Leipzig, lerne weiterhin Polnisch und plane schon die nächste Reise „do domu“ („nach Hause“) – damit meine ich mein zweites Zuhause: Krakau! Denn wichtig sind die Tage, die wir noch nicht kennen – das ist der Titel meines polnischen Lieblingsliedes („Ważne są tylko te dni, których jeszcze nie znamy“ von Marek Grechuta) und auch mein Lebensmotto!

Serdecznie pozdrawiam!

Katharina


 „Post aus …“

In der Rubrik „Post aus …“ berichten deutsche Studierende, Praktikanten und Freiwillige über ihre Zeit in Polen. Sie schreiben über Erlebnisse, Erfahrungen und Eindrücke. Gleichzeitig vergleichen sie Deutschland und Polen und zeigen Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Nachbarländer auf.

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