Olga, Jonas und ? sind die aktuellen Volontäre der beiden Büros des DPJW. Auf dem Foto begleiten sie den deutsch-polnischen Jugendpreis in Berlin. © Przemysław Górecki

Zum Freiwilligendienst in Warschau

Ganz klischeehaft stand ich nach dem Abitur ratlos vor der Entscheidung: Studium oder doch was Anderes? Heute kann ich sagen, ich habe die richtige Option gewählt, denn ich ging für ein freiwilliges soziales Jahr (FSJ) nach Warschau. Das freiwillige soziale Jahr im Kindergarten oder Pflegeheim absolvieren? Lieber nicht, mein Abenteuer als Freiwilliger begann im Büro des Deutsch-Polnischen Jugendwerks (DPJW)!

Der 19-jährige Jonas auf einer Bildungskonferenz in Warschau. © Tomasz Tołłoczko

Der 19-jährige Jonas auf einer Bildungskonferenz in Warschau. © Tomasz Tołłoczko

My first days
Alles begann im September 2018. Hochmotiviert mit zwei Koffern und einem Rucksack stand ich vor den Toren des deutsch-polnischen Jugendwerks in Warschau. Hier würde ich ein Jahr lang als Volontär die Arbeit des deutsch-polnischen Jugendaustauschs unterstützen. Coole Herausforderung! Als Deutsch-Pole hatte ich keine Probleme mich einzugewöhnen, da die Sprachkenntnisse vorhanden sind und ich Warschau von anderen Reisen kenne. Als Kind mit Migrationshintergrund habe ich zahlreiche Ferien in der „Heimat“ verbracht.

Meine Tätigkeiten

Meine ersten Wochen als Volontär vergingen wie im Flug. Schnell wurde ich Teil des Teams und konnte direkt mit der Arbeit loslegen. Einige denken bestimmt, ein Freiwilligenjahr im Büro besteht aus Kaffee kochen und Akten kopieren. Ich wusste ehrlich gesagt auch nicht wirklich, was mich erwarten würde, aber der Büroalltag ist auf jeden Fall vielfältiger als erwartet. Das DPJW organisiert häufig Veranstaltungen und dabei werden alle Volontäre eingebunden. Diese Veranstaltungen reichen von kleinen Jugend-Events bis zu langgeplanten Konferenzen. Es gibt auch zahlreiche besondere Tage für Volontäre.
Ich hatte die Ehre, im Januar an einer internationalen Jugendbegegnung des Deutschen Bundestages teilzunehmen, bei der ich u.a. Teil einer Podiumsdiskussion mit Bundestagspräsident Schäuble und dem Holocaustüberlebendem Prof. Dr. Saul Friedländer sein durfte. Mindestens genauso interessant war auch die trinationale Veranstaltung „Spread The Vote“ in Straßburg, bei der junge Menschen aus Deutschland, Polen und Frankreich über die Zukunft und Wichtigkeit Europas diskutierten.
Einige Tage verbrachte ich im Partnerbüro in Potsdam, denn zahlreiche Projekte werden zusammen geplant und durchgeführt. Ich arbeite oft mit den Volontären aus Potsdam zusammen. Jedes Jahr bekommen die Volontäre die Möglichkeit, ein eigenes Projekt auf die Beine zu stellen. Im letzten Jahr war es ein Plakatwettbewerb zum Thema „Vielfalt“ (poln. „różnorodność“). Die Ergebnisse waren wirklich kreativ und sehenswert. Wenn ich nicht im Bundestag bin oder mal nach Straßburg fliege, sieht mein Leben auch spannend aus. Polens Hauptstadt bietet unfassbar viele Möglichkeiten und entwickelt sich rasend schnell.

Die Volontäre Ina und Jonas moderieren das DPJW-Sommerfest in Berlin. © Roger Schorries

Die Volontäre Ina und Jonas moderieren das DPJW-Sommerfest in Berlin. © Roger Schorries

Mein Leben in „Wawa“

Warschau! Für mich eine der beeindrucktesten Städte, die ich kenne. 1945, im Zweiten Weltkrieg, wurde die Stadt fast komplett zerstört. Heute sprießen moderne Wolkenkratzer aus der Erde und es gibt eine wunderschöne wiederaufgebaute Altstadt. Ich denke für junge Leute in meinem Alter kann Warschau extrem Spaß machen. Obwohl ich Warschau ziemlich lange kenne und hier viele Ferien verbracht habe, konnte ich viel Neues entdecken. Vor allem auf der anderen Weichselseite, die für mich immer eine Art „No-Go Area“ war, da mir oft gesagt wurde, dass es dort gefährlich sei. Mittlerweile bin ich ein wenig verliebt in „Praga“, der östlichen Seite der Weichsel, da dieser Stadtteil so facettenreich und bunt ist und – wie ich finde – längst nicht mehr gefährlich.

Polnische Milchbars
Die sogenannten Milchbars (bar mleczny) habe ich auch für mich entdeckt. Es sind im Endeffekt kleine Kantinen oder Bistros, in denen man sehr günstig gute Hausmannskost bekommt. Zahlreiche junge Menschen, Studenten und Touristen essen in den Milchbars. Am liebsten esse ich dort die typischen „Pierogi“ (dt. Piroggen), gefüllt mit Hackfleisch, die es für knapp drei Euro gibt.

Ist ein Freiwilligenjahr empfehlenswert?

Nach insgesamt neun Monaten Freiwilligendienst kann ich definitiv ein kleines Fazit ziehen. Vor dem Freiwilligenjahr wusste ich absolut nicht, was ich machen oder studieren soll. Mittlerweile ist mir die Richtung klar. Dank der einjährigen Pause zwischen Schule und Universität. Dadurch hatte ich genug Zeit, um mal gründlich nachzudenken, was ich mit meinem Leben anfangen will und ich konnte mich in gewisser Weise auch selbst finden. Endlich hatte ich Zeit für Dinge, für die man sonst keine Zeit hat, wie Sport, Bücher lesen und neue Hobbies. Ich habe die Meditation entdeckt. In dieser Zeit lernte ich neue Bereiche und Berufe kennen. Hinzu kommt, dass ich schon im jungen Alter Berufserfahrung gesammelt habe, was bestimmt gerne im Lebenslauf gesehen wird.

Abschließend kann ich sagen, dass ich unfassbar dankbar für dieses Auslandsjahr bin und die Erfahrungen und das neue Wissen ins Studentenleben, das ab Oktober 2019 beginnt, mitnehme. Ich werde vermutlich in Richtung Politik oder Wirtschaft gehen. Damit empfehle ich jedem, der sich noch nicht sicher ist, was er machen möchte, ein Freiwilligenjahr!

Allen anderen kann ich einen Besuch von Warschau herzlichst empfehlen!

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