Danzig: Eine Stadt mit vielen Gesichtern

Antje bei einem Spaziergang mit dem „Literarischen Stadtführer Danzig“ im Stadtteil „Dolne Miasto“. © Simone Wilke

Antje bei einem Spaziergang mit dem „Literarischen Stadtführer Danzig“. © Simone Wilke

Seit einem halben Jahr studiere ich Ethnologie an der Universität Danzig. Ich habe viel Spaß dabei, die Stadt an der polnischen Ostsee zu erkunden und die Einwohner kennenzulernen. An jeder Ecke ist die interessante Geschichte der Hafenstadt präsent. Etwa wohnt gleich hinter meinem Studentenwohnheim „Dom studencki Nr. 10“ der ehemalige Aktivist der Gewerkschaft „Solidarność“ (1980-1990) und polnische Präsident (1990-1995) Lech Wałęsa. Bei der feierlichen Eröffnung des akademischen Jahres konnte ich ihm live begegnen. Er ist nur einer von vielen Persönlichkeiten, die für Danzig oder Polen stehen und auch heute noch am Stadtleben teilnehmen. Gerne spaziere ich nach der Uni durch das schöne Danzig. Neben dem historischen und touristischen Stadtteil „Główne Miasto“ gibt es viele andere Orte, an denen ich mich aufhalte. Dazu zählen unter anderem das durch Weltliteratur, wie etwa Günther Grass, bekannte und hippe Viertel „Wrzeszcz“, das dörflich-ruhige „Oliwa“ sowie der weite und abgelegene Strand „Stogi Plaża“.

Dass meine Wahl auf die Studienstadt Danzig fiel, hängt neben der Liebe zum Meer vor allem mit dem regionalen Schwerpunkt des Ethnologischen Instituts der Universität Danzig zusammen. Das Ethnologische Institut beschäftigt sich zum Beispiel mit den Kaschuben, einer westslawischen Bevölkerungsgruppe, die in der Woiwodschaft Pommern lebt. Diese Gruppe finde ich sehr spannend und konnte schon einiges über die Menschen erfahren. In verschiedenen ethnologischen und kulturwissenschaftlichen Veranstaltungen lernte ich Polen und die Region Pommern kennen. Unter anderem näherten wir uns der Stadt über den literarischen Weg. Ein besonderes Ereignis war in diesem Zusammenhang eine Lesung des Danziger Autoren Paweł Huelle, dessen persönliche Widmung nun in meinem Exemplar des Romans „Weiser Dawidek“ steht.

Mein Universitätsalltag in Polen sieht ähnlich aus wie in Deutschland, da ich als Auslandsstudentin meine Kurse frei wählen kann. Insgesamt ist das Studium in Polen strenger geregelt, da die meisten Studiengänge für polnische Studierende einen festgelegten und sehr vollen Stundenplan vorgesehen haben. Vielleicht funktioniert die Organisation in Deutschland besser, aber inhaltlich lerne ich in Danzig viel und bin deshalb sehr zufrieden mit dem Studium.

„Ostseegold“: Bernsteine hat Antje in der polnischen Ostsee in Zoppot gefunden. © Simone Wilke

„Ostseegold“: Bernsteine gefunden am Strand von Zoppot. © Simone Wilke

Ein weiterer Grund, mein Auslandssemester in Polen zu machen, ist die Sprache. Im Rahmen meines Bachelorstudiums der Kulturwissenschaft und Ethnologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg habe ich zwei Jahre Polnisch gelernt. Ich wollte meine Sprachkenntnisse unbedingt praktisch anwenden und erweitern. Nach einem Semester kann ich deutlich besser Polnisch sprechen. Im Studium, das komplett auf Polnisch ist, und im Alltag lerne ich jeden Tag dazu.

Neben dem Studium habe ich Zeit, um polnische Städte und Sehenswürdigkeiten zu entdecken. Zu den bereits besichtigten Orten gehören das Kaschubische Francis-Treder-Museum in Kartuzy, das ehemalige Konzentrationslager in Stutthof, die Marienburg des Kreuzritterordens und die Halbinsel Hel, die die Danziger Bucht umschließt. Meistens habe ich jedoch kein großes Bedürfnis mein neues Zuhause, die sogenannte Dreistadt, die aus den Städten Danzig, Zoppot und Gdingen besteht, zu verlassen. Warum? Nicht etwa, weil es keine guten Zugverbindungen zu anderen Städten gäbe, sondern weil vor Ort zahlreiche Vorträge, Konzerte und kulturelle Veranstaltungen stattfinden.

Feierlicher Marsch am Nationalfeiertag der polnischen Unabhängigkeit. © Antje Wilke

Feierlicher Marsch am Nationalfeiertag der polnischen Unabhängigkeit. © Antje Wilke

Beeindruckt war ich zum Beispiel von den Feierlichkeiten des Polnischen Nationalfeiertags am 11. November letzten Jahres. Anlässlich der polnischen Unabhängigkeit von 1918 feierten die Polen noch 96 Jahre danach diesen Feiertag als wäre er vor Kurzem gewesen. An diesem Tag ist mir der polnische Patriotismus besonders aufgefallen. Anders als in Deutschland bekunden die Polen ihre Nationalität und Feiertage öffentlich mit Gesang, Tanz und einem Meer aus weiß-roten Flaggen. Das kennen wir in Deutschland nur vom Fußball. Ein weiteres besonderes Erlebnis, das mit einem Feiertag zusammenhängt, hatte ich an Allerheiligen im Stadtteil Oliwa auf dem Friedhof. In ganz Polen wird an diesem Tag den Verstorbenen gedacht. Unzählige Kerzen brennen auf dem Friedhof und es herrscht eine ganz besondere Atmosphäre.

Nach einem halben Jahr in Polen habe ich mich entschlossen, noch ein zweites Semester in Danzig zu verbringen. Der Grund dafür sind nicht nur die interessanten Facetten dieser Stadt, sondern vor allem die liebgewonnenen Freunde, mit denen ich noch mehr Zeit genießen möchte. Ich habe zahlreiche deutsch-polnisch-französische Freundschaften geschlossen. Am Semesteranfang lernte ich bei einem deutsch-polnischen Stammtisch viele neue Leute kennen. Gleichzeitig habe ich durch mein Studium hauptsächlich Kontakt mit einheimischen Studierenden. Das ist eine bunte Mischung netter Menschen!

Ermöglichen konnte ich mir das Auslandsstudium mit Hilfe eines Stipendiums der „Gemeinschaft für studentischen Austausch in Mittel- und Osteuropa“ (GFPS e.V.). Eine tolle Organisation, die Studierende aus Deutschland, Polen, Tschechien und Weißrussland durch Stipendien, Projekte und Veranstaltungen zusammenbringt. Die GFPS veranstaltet für ihre Stipendiaten ein erstes Treffen zum Kennenlernen. In der abschließenden Veranstaltung, dem sogenannten Forum, werden die wissenschaftlichen Projekte, die die Stipendiaten während ihrer Auslandszeit in der jeweiligen Landessprache erarbeitet haben, vorgestellt.

Das GFPS-Stipendium ist eine tolle Möglichkeit für einen Aufenthalt in Polen. Von Beginn an betreuen GFPS-Mitglieder und Alumni die Stipendiaten. Das beginnt bei der Studien- und Wohnungssuche, geht weiter bei der Sprachförderung durch Tandem-Treffen und hört nicht zuletzt mit dem Kontakt zu Einheimischen auf. Gleichzeitig ermöglicht GFPS durch die Städtetage in Deutschland, Tschechien und Polen unvergessliche Erlebnisse mit tollen Leuten!

Die aus Danzig bekannten Werftkräne. © Antje Wilke

Die aus Danzig bekannten Werftkräne. © Antje Wilke

Nun kann ich den Sommer an der Ostsee kaum erwarten und freue mich aufs zweite Semester. Dazu gehört unter anderem das Seminar „Feldforschung“, bei dem wir Menschen interviewen, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus den ehemaligen polnischen Ostgebieten bei Vilnius vertrieben wurden und nach Danzig gekommen sind. Wahrscheinlich hätte ich mir das im ersten Semester aufgrund der Sprachkenntnisse nicht zugetraut. Ein ganzes akademisches Jahr in Polen zu erleben, lohnt sich auch wegen der Sprachsicherheit!

Abschließend möchte ich Deutsche dazu ermutigen, sich für unsere Nachbarn zu interessieren, nach Polen zu reisen, vielleicht sogar dort zu leben und nicht zuletzt die Sprache zu lernen. Für mich ist es immer eine tolle Erfahrung, Menschen anderer Nationalität kennenzulernen und dabei zu erfahren, dass es meist nicht viele oder nur belanglose Unterschiede gibt!

Zuletzt noch ein Zitat, das mich in Danzig begleitet:

   „Poznaj historię, zadecyduj o przyszłości!“

Die Worte „Lerne aus der Geschichte, entscheide über die Zukunft!“ des Europäischen Zentrums der Solidarność finde ich von großer Bedeutung für die Menschheit. Es ist wichtig, dass wir aus der Geschichte lernen und das Wissen darüber in der Gegenwart anwenden. Nicht nur die Politik sollte sich das öfter vergegenwärtigen, sondern auch jeder einzelne von uns.

Pozdrawiam z Gdanska,

Antje


 „Post aus …“

In der Rubrik „Post aus …“ berichten deutsche Studierende, Praktikanten und Freiwillige über ihre Zeit in Polen. Sie schreiben über Erlebnisse, Erfahrungen und Eindrücke. Gleichzeitig vergleichen sie Deutschland und Polen und zeigen Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Nachbarländer auf.

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