Zakopane: Der polnische Bergtraum

Fensterausblick auf die Tatra-Berge. © Natalie Junghof

Die Tatra-Berge von Zakopane. © Natalie Junghof


Eine grüne Wiese voller Gänseblümchen, darauf weiden braun-weiße Kühe, im Hintergrund sind Berge zu sehen, die Spitzen mit Schnee bedeckt. Der Blick aus dem Fenster des Holzhauses von Familie Bachleda-Kominek im polnischen Zakopane erscheint wie ein Panorama aus einem Bilderbuch. Die fünfköpfige Familie wohnt mitten in den Bergen am Tatra-Nationalpark in Südpolen. Gemeinsam mit ihren Pferden, Hunden und Katzen leben sie den polnischen Bergtraum.

Es ist Sonntagmorgen, sieben Uhr. Der Hahn kräht. Im Holzhaus duftet es nach Kaffee, und durch das geöffnete Fenster weht frische Landluft ins Zimmer. Kuhglocken läuten. Der Tag von Familie Bachleda-Kominek beginnt früh. Familienvater Bogusław ist bereits auf dem Hof bei den Tieren. Der 52-Jährige füttert die Pferde und lässt sie auf die Wiese vorm Haus auslaufen, sodass sie durch das Küchenfenster zusehen sind. In der Küche brennt Holz im Kachelofen. Die 43-jährige Teresa gießt Kaffee auf und bereitet das Frühstück für die Familie zu. Hausgemachte Wurst, Eier von den eigenen Hühnern und Milch von Nachbars Kühen stehen auf dem Tisch. Die Geschwister Katarzyna (26), Aneta (25), Julia (13) und Bartek (9) sitzen zusammen und sprechen über die Pläne für den Tag. Das wichtigste Thema ist der Musik-Auftritt der Familie bei einer Tauffeier im hiesigen Dorf.

Familie Bachleda-Kominek ist eine Künstlerfamilie. Vater Bogusław spielt Akordeon und goralischen Kontrabass, Katarzyna Geige, Akkordeon und Klavier, Aneta spielt goralischen Kontrabass, und die jüngsten Geschwister Julia und Bartek lernen Klavierspielen. Unter dem Namen „Kosówki“ („Kiefern“) ist die Familie bekannt für ihre traditionelle Live-Musik. Die Band tritt bei Festen und Feiern mit polnischen und goralischen Liedern auf. Goralisch ist ein Dialekt, der an der polnisch-slowakischen Grenze von den Goralen gesprochen wird, dem Volk der Tatra-Bergen.

Der Natur ganz nah: Beim Wandern lassen sich faszinierende Tiere und Pflanzen beobachten. © Natalie Junghof

Der Natur ganz nah: Beim Wandern lassen sich faszinierende Tiere und Pflanzen beobachten. © Natalie Junghof

Nach dem Frühstück proben Familienvater Bogusław und Tochter Katarzyna den Ablauf für die Tauffeier am Nachmittag. Die Geschwister Bartek, Julia und Aneta zeigen bei einem Spaziergang im Tatra-Nationalpark die Schönheit der Naturlandschaft. Unzählige Wald- und Bergblumen, Bäume und Kleintiere sind zu sehen, die unter Naturschutz stehen. Sie empfehlen Touristen neben einer Wanderung im Nationalpark Hohe Tatra einen Ausflug an den See „Morskie Oko“ („Meeresauge“). „Wanderer aus dem In- und Ausland treten diese Strecke an, um das türkisfarbene Wasser der umschlossenen Gebirgslandschaft zu sehen“, sagt Aneta.

Wasserfall neben dem Wanderweg. © Natalie Junghof

Wasserfall neben dem Wanderweg am Berg Nosal. © Natalie Junghof

Es gibt zahlreiche weitere Wanderrouten. Sie führen vorbei an glasklaren Wasserfällen, unzählige Treppen- bzw. Steinstufen hinauf bis zur Bergspitze. Der meist steile Aufstieg wird belohnt mit einem beeindruckenden Ausblick. Zahlreiche Strecken hat Aneta bereits zurückgelegt. Die 25-Jährige rät dazu, einen ganzen Tag für eine Wanderung einzuplanen und nicht ohne Begleitung zu gehen, denn auch auf den kleinen Bergen, wie etwa dem Nosal, seien die Routen lang und deshalb nur mit erfahrenen Wanderern zu besteigen.

Ausblick vom Berg. © Natalie Junghof

Ausblick vom Berg Nosal. © Natalie Junghof

 

 

 

 

 

 

Zurück im Berghaus angekommen, backen Mutter Teresa und ihre Kinder Gofry, typisch polnische Waffeln. Teresa vermischt Mehl, Zucker und Ei, backt die Waffeln, schlägt Sahne und erwärmt das selbst gekochte Heidelbeer-Kompott. Serviert werden die Waffeln mit einer dicken Sahnehaube und warmen Heidelbeeren.

Selbstgemachte  Waffeln mit Sahne und Heidelbeeren. © Natalie Junghof

Selbstgemachte Waffeln mit Sahne und Heidelbeeren. © Natalie Junghof

Beim Essen berichtet Teresa von ihrer künstlerischen Leidenschaft. Die 43-Jährige ist Poetin. Sie schreibt polnische und goralische Gedichte. Ihre hellblauen Augen strahlen: „Die Liebe zu meiner Heimat und den Bergen drücke ich in meinen Texten aus“, sagt die 43-Jährige und holt ein Buch aus dem Schrank. „In meinem Tagebuch halte ich spannende Erlebnisse aus Familie, Arbeit und Natur fest. In einem nächsten Schritt entstehen meine Gedichte“, sagt die Goralin und blättert in einem Heft, das nur noch ein paar freie Seiten enthält. Im ganzen Haus seien ihre Gedichte in Büchern, auf Blättern und Computerdateien verewigt. Im vergangenen Jahr brachte sie ihre Lieblingsgedichte in ihrem ersten Buch „Bukowy listecek“ („Buchen-Blättchen“) zusammen. Genauso wie ihr Mann ist Teresa in Zakopane geboren und aufgewachsen. Heute wohnt sie mit ihrer Familie im Elternhaus ihres Mannes: „Ich kann mir keinen schöneren Wohnort als die Berge von Zakopane vorstellen“, sagt sie.

Nach dem Essen bricht die Familie auf, mit ihren Instrumenten und goralischen Trachten. Im örtlichen Restaurant „7 kotów“ („7 Katzen“), findet die Feier statt. Der 9-jährige Bartek besucht zwischenzeitlich den Taufgottesdienst in der katholischen Kirche „Miłosierdzia Bożego“ in Cyrhla. Auch in dieser Kirche ist der sogenannte Zakopane-Stil durch die zahlreichen Schnitzereien an den Holzwänden wiederzuerkennen. In goralischen Trachten treten die Eltern mit den sechs Täuflingen in weißen Kleidern an den Altar. Auch viele Gäste tragen bunte Trachten. Nach der Taufe gehen die Familien zur Feier ins nahegelegene Restaurant. Beim Eintritt der Gäste spielt die Band „Kosówki“ goralische Musik. Vater Bogusław steht am Akkordeon, Katarzyna am Keyboard und singt mit Schwester Aneta stimmungsvolle Lieder. Zur Vorspeise gibt es Hühnersuppe. Dann folgen polnische Salate, Fleisch- und Fischgerichte sowie verschiedene regionale Kuchensorten. Der Tisch ist immer mit gefüllten Speiseschalen bedeckt. Die Gäste feiern ausgelassen, Männer fordern Frauen zum Tanzen auf und goralische Paartänze werden vorgeführt. Um 21 Uhr baut Familie Bachleda-Kominek die Instrumente ab.

Goralische Live-Musik: Aneta, Bogusław und Katarzyna in traditionellen Trachten. Bogusław hält das goralische Kontrabass in der linken Hand. © Natalie Junghof

Goralische Live-Musik: Aneta, Bogusław und Katarzyna Bachleda-Kominek in traditionellen Trachten. Bogusław hält den goralischen Kontrabass in der linken Hand. © Natalie Junghof

Als die drei Musiker zu Hause ankommen, hat Teresa die Pferde in den Stall gebracht. Bartek und Julia schlafen schon. In der Küche, dem Gemeinschaftsraum der Familie, sitzen die Eltern mit ihren ältesten Töchtern. Es gibt schwarzen Tee mit einem Schuss selbstgemachtem Himbeerlikör.

Aneta erzählt ihrer Familie von ihren Plänen für die nächste Woche. Am Montag fährt sie ins 90 Kilometer entfernten Krakau, wo sie Mathematik studiert. „Leider gibt es in Zakopane kaum Arbeitsplätze. Viele Leute arbeiten in der Tourismus-Branche oder ziehen hier weg“, sagt die 25-Jährige. Im Gegensatz zu Schwester Katarzyna, die Rechtswissenschaften studiert hat und in einer Anwaltskanzlei in Zakopane arbeitet, möchte Aneta in einer Großstadt wohnen. Ab Mitte April dieses Jahres macht sie ein Auslandssemester und studiert an der Ludwig-Maximilians-Universität München. „Ich könnte mir auch gut vorstellen, in Deutschland zu bleiben. Dort werden Arbeitsstellen besser bezahlt und es gibt insgesamt mehr Arbeit“, sagt die 25-Jährige. Doch sie werde immer wieder in ihre Heimat zurückkehren. Um 23 Uhr gehen die Lichter im Holzhaus von Familie Bachleda-Kominek aus. Am nächsten Tag kräht der Hahn wieder, und die Heuernte steht bevor.

Gedichtband „Bukowy listecek“ („Buchen-Blättchen“). © Teresa Bachleda-Kominek
Gedichtband „Bukowy listecek“ („Buchen-Blättchen“). © Teresa Bachleda-Kominek

„Moje wiersze“

Stoi szafka niemała – nieduża
A w niej: po pierwsze – wiersze
Po drugie – wiersze
Po trzecie – wiersze
I nie pamiętam, które są pierwsze.
Nigdy nie walczą o miejsca swoje
W szafce pęcznieją papierów zwoje

O zwierzątkach, o przyrodzie,
O kaprysach i o modzie
Długie, krótkie, cieńsze, szersze
Oto właśnie moje wiersze.

24.05.2011r.
Teresa Bachleda-Kominek

 

 

 

 

 

 

 

Autorin Teresa Bachleda-Kominek. © Aneta Bachleda-Kominek

Autorin Teresa Bachleda-Kominek. © Aneta Bachleda-Kominek

„Meine Gedichte“

Da steht ein Schrank weder klein – noch groß
Er enthält: erstens – Gedichte
Zweites – Gedichte
Drittens – Gedichte

Ich habe vergessen, welche die Ersten waren.
Sie streiten sich nicht um ihren Platz
Sie stehen auf Papierrollen im Schrank

Sie handeln von Tieren, von Natur
von Lebenslust und von Mode.
Sie sind lang, kurz, dünn und breit
Genau so sind sie, meine Gedichte.

24.05.2011
Teresa Bachleda-Kominek

(Ins Deutsche übersetzt von Aneta Bachleda-Kominek. Die Reimstruktur kann in der deutschen Übersetzung nicht wiedergegeben werden.)

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