Eine Arche voller Talente

Die Einrichtung „Arka Warszawa“ der Lukas Podolski Stiftung fördert benachteiligte Kinder in Warschau

Glückliche Kinder in der Arka Warszawa.

Glückliche Kinder in der Arka Warszawa. © Natalie Junghof

(Warschau, NJ) Beim Aussteigen aus der rot-gelb-schwarzen Straßenbahn im Stadtteil Praga Nord wirken die Straßen und Plattenbauten auf mich grau und leblos. Es fahren kaum Autos. Einzelne Personen überqueren die breiten Straßen. Als Kontrast zu den alten Häusern steht in einem Hinterhof ein modernes Gebäude: die „Arka Warszawa“ (Arche Warschau). Die Aufschrift „RTL Kinderhaus“ an dem weißen Haus-Klinker erinnert an den Spendenmarathon, der den Grundstein legte für die im Mai 2014 in Warschau eröffnete Arche.

Strahlende Kinder öffnen die Tür. Die Leiterin Bogumiła Manek führt mich in das dekorierte Esszimmer, in dem sich rund zwanzig Kinder um vier lange Tische versammeln. „Heute feiern wir eine Party, bei der die Geburtstagskinder des Monats geehrt werden“, sagt Manek. Die 7-jährigen Nadia und der gleichaltrige Emil sitzen auf ihren mit Ballons geschmückten Stühlen. Aufgeregt halten sie in ihren Händen unterschiedlich verpackte Geschenke. Die Vorfreude aufs Auspacken ist den Kleinen deutlich anzusehen. Doch sie müssen sich noch gedulden, denn zuvor singen alle Kinder ein polnisches Geburtstagslied. Eine Betreuerin stellt eine Torte mit bunten Streuseln auf den Tisch. Die Geburtstagskinder pusten die in der Mitte platzierten Kerzen aus. Danach wird die Torte verteilt. Emil reist das Geschenkpapier auf und strahlt als er eine Fußball-Hose und ein Trikot entdeckt. „Wir können in der Arka Fußball spielen und das macht riesig Spaß“, findet der Grundschüler. Nadia holt eine schwarzhaarige Puppe aus der Verpackung. „Ich kann hier meine Freundinnen treffen. Die Arka ist für mich wie ein zweites Zuhause“, sagt die 7-Jährige. Seit über einem Jahr setzt sich die von Lukas Podolski ins Leben gerufene Einrichtung für benachteiligte Kinder in Warschau ein. Dabei ist ihr Konzept auf die individuelle Förderung von Kindern im Alter von sechs bis 13 Jahren abgestimmt.

Einrichtungsleiterin Bogumiła Manek begrüßt jedes Kind.

Einrichtungsleiterin Bogumiła Manek begrüßt jedes Kind mit einem Lächeln. © Natalie Junghof

Förderung für jedes Kind

Die Arche in Warschau bietet neben einer Hausaufgabenhilfe auch Deutsch- und Englischunterricht an. „Viele Kinder haben keine Lust, eine Fremdsprache zu lernen, aber wenn sie hören, wie ich mit Gästen oder Partnern aus Deutschland spreche, sind sie interessiert und verstehen, wie wichtig es ist, mehrere Sprachen zu können“, sagt Manek, die in Freiburg im Breisgau osteuropäische Geschichte, Germanistik und Slawistik studiert hat. Zweimal wöchentlich besucht ein Lehrer vom Goethe-Institut Warschau die Einrichtung und bringt den Kindern spielerisch Deutsch bei. Eine Kooperation mit einer britischen Privatschule ermöglicht den Austausch mit englischsprachigen Schülern, die einmal in der Woche zu Besuch kommen. „Wir möchten den Kindern zeigen, dass sie es schaffen, einen guten Schulabschluss zu bekommen und danach einen tollen Beruf erlernen können“, sagt die Standortleiterin. Der Austausch mit den britischen Schülern sei für sie eine wichtige Erfahrung. „Sie lernen, dass es wichtig ist zu lernen, um etwas zu erreichen“, sagt die 33-Jährige. Dabei sei es für sie von großer Bedeutung, auf jedes Kind individuell einzugehen und zuzuhören, wenn es Probleme gibt – oder sich Zeit zu nehmen und Aufmerksamkeit zu schenken.

Der 7-jährige Emil freut sich über sein Geburtstagsgeschenk.

Der 7-jährige Emil freut sich über sein Geburtstagsgeschenk. © Natalie Junghof

Eine Perspektive fürs Leben

Praga Nord ist ein Stadtteil mit einer der höchsten Arbeitslosenzahlen in Warschau. Dort leben zahlreiche Familien, die auf Sozialhilfe angewiesen sind. Das Team der Arche hat beobachtet, dass es viele Eltern gibt, die mit ihren Kindern überfordert sind, weil sie entweder sehr jung sind, ihnen die Erfahrung fehlt oder sie den ganzen Tag arbeiten und keine Zeit für ihr Kind haben. Gleichzeitig gibt es Familien, in denen Alkohol oder Gewalt zum Alltag gehören. Für viele Eltern sei es nicht selbstverständlich zu arbeiten oder sich an Abmachungen zu halten. Manek und ihre Mitarbeiterinnen bemühen sich, andere Lebenswege aufzuzeigen: „Wir möchten bei ihnen ein Umdenken anregen und zeigen, dass sie etwas erreichen können, wenn sie fleißig sind und an sich glauben“. Eine Arbeitspsychologin kommt regelmäßig in die Einrichtung, um mit den Kindern über ihre Ziele und Möglichkeiten zu sprechen. Es sollen zudem verschiedene Berufe vorgestellt werden. Dabei arbeitet die Arka Warszawa mit unterschiedlichen Unternehmen zusammen. Durch Hospitanzen in Berufen, z. B. als Rezeptionist im Hotel, können sie sich ausprobieren. „Die Kinder sollen lernen, selbstständig zu leben“, sagt Manek. Dabei gehört neben dem Lernen in der Schule auch das Aneignen sozialer Kompetenzen, wie etwa Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit. Diese vermitteln die Erzieherinnen u. a. bei spielerischen, kreativen und sportlichen Freizeitbeschäftigungen.

Freizeit und Kreativität

Von Montag bis Freitag bekommen die Kinder in der Arka ein warmes Mittagessen. Nach Hausaufgabenhilfe oder Deutsch- und Englischunterricht gibt es zahlreiche Beschäftigungsmöglichkeiten, wie etwa Gesellschaftsspiele, einen Kletter- bzw. Toberaum und den Außenbereich. In den Ferien ist die Einrichtung bereits vormittags geöffnet. Nach einem großen Frühstück unternimmt die Gruppe Ausflüge, wie etwa ins Schwimmbad oder zum Zoo. „Viele Kinder kommen nicht häufig aus diesem Stadtteil raus. Mit uns lernen sie Warschau kennen“, sagt die studierte Germanistin. Aktionen wie ein Graffiti-Workshop, Breakdance- und Zumba-Kurse bieten Abwechslung. Über prominenten Besuch, z. B. von Lukas Podolski, freuen sich die Kinder besonders.

Nadia freut sich über die Überraschung bei der monatlichen Kinderparty.

Nadia ist glücklich: Ihr Wunsch, eine Puppe zu bekommen, hat sich erfüllt. © Natalie Junghof


Lukas Podolski als Idol

„Für die Kinder ist Lukas Podolski ein Vorbild. Er hat es aus bescheidenen Verhältnissen bis zum Fußball-Weltmeister geschafft. Das motiviert sie“, sagt Manek. Sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche in seinem Heimatland Polen zu fördern, sei ihm ein besonderes Anliegen. „Die Chancen auf ein gutes Leben sind nicht gleich verteilt, je nachdem, in welchem Land und in welche soziale Schicht man geboren wird. Das ist ungerecht und ich kämpfe dagegen an“, sagt Podolski. Dem im oberschlesischen Gleiwitz geborenen Fußballstar sei es wichtig, den jungen Menschen eine Perspektive zu geben vom Angebot sinnvoller Freizeitbeschäftigung bis hin zur Vorbereitung auf das Berufsleben. Dabei vertritt er aber auch stets das Prinzip Eigenverantwortung: „Eine Chance zu bekommen ist das eine, sie auch zu ergreifen, das andere.“ Er selbst habe nach der Umsiedelung seiner Familie 1987 nach Deutschland hart für sein Ziel gekämpft. Um eine Perspektive zu geben, rief der 30-Jährige 2011 im Namen seiner Stiftung und gemeinsam mit dem christlichen Kinder- und Jugendwerk „Die Arche“ und der „RTL-Stiftung – Wir helfen Kindern“ das deutsch-polnische Projekt Arka Warszawa ins Leben. Er sammelte u. a. beim RTL-Spendenmarathon Geld für den Aufbau. Die Einrichtung finanziert sich lediglich durch die Lukas Podolski Stiftung und Spenden. Zuletzt besuchte der Fußballstar die Einrichtung zum einjährigen Jubiläum am 1. Juni dieses Jahres und spielte – natürlich – mit ihnen Fußball.

Die Fußballmannschaft

Die Arka Warszawa betreibt eine eigenen Fußballmannschaft, in der sportbegeisterte Kinder an einem wöchentlichen Training teilnehmen und bei regelmäßigen Spielen antreten. „Lukas Podolski war es besonders wichtig, dass die Kinder die Möglichkeit haben, Fußball zu spielen“, sagt Manek. Der Teamsport fördere – neben körperlicher Fitness – den Zusammenhalt und stärke Eigenschaften wie Durchhaltevermögen und Ehrgeiz. Zu den Gegnern gehört neben Mannschaften aus der Umgebung auch der polnische Lieblingsverein von Podolski „Górnik Zabrze“. Diesen Sommer konnten die jungen Fußballspieler in einem Camp zusätzlich trainieren. Für manche Kinder war es ihr erster Urlaub, bei dem sie gemeinsam mit ihren Freunden Zeit verbringen konnten, gewandert sind und Fußball spielen konnten.

Die Fußballmannschaft der Arka Warszawa beim Training mit dem 25-jährigen Sportstudenten Bartłomiej Jaroszewski.

Die Fußballmannschaft der Arka Warszawa mit dem 25-jährigen Trainer Bartłomiej Jaroszewski (Mitte).     © Natalie Junghof

 

Eine gemeisterte Herausforderung

Für die Einrichtungsleiterin ist die Arka Warszawa zu einem Anlaufpunkt geworden, an dem sich die Kinder wohlfühlen. „Wir freuen uns, dass so viele Kinder zu uns kommen“, sagt Manek. Zu Beginn sei das Projekt eine große Herausforderung für ihr Team gewesen, da das Umfeld sie nicht immer mit offenen Armen empfangen habe. „Wir mussten uns eingewöhnen, und die Menschen, die in diesem Stadtteil leben und arbeiten, mussten uns kennenlernen“, so Manek. Inzwischen sei die Zusammenarbeit mit den Eltern und Schulen fruchtbar. Der Austausch mit den Schulen und Eltern ist bedeutend für das Team, da nur gemeinsam an Problemlösungen und der Förderung gearbeitet werden kann. „Wir sehen täglich Fortschritte bei den Kindern, z. B., dass sie sich bemühen, um ein Ziel zu erreichen. Das ist das Schöne an unserer Arbeit“, sagt Manek.

Ehrenamtliche Unterstützung

Neben Geld- und Sachspenden, z. B. Weihnachtsgeschenken, sei vor allem ehrenamtliche Unterstützung gefragt. „Die Zeit ist ein großes Geschenk“, sagt die Einrichtungsleiterin. Vor allem sucht die Einrichtung nach Lehrkräften, die bei den Hausaufgaben helfen. Junge Freiwillige aus Deutschland mit Polnisch-Kenntnissen können sich für ein Praktikum bewerben.

Weitere Informationen zur Einrichtung Arka Warszawa erhalten Sie auf der Internetseite. Spenden können Sie auf das Konto: BIC: PL 461140 2062 0000 5450 8600 1001, mBank.

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