Deutscher, Pole oder Deutsch-Pole?

Ein Interview mit dem deutsch-polnischen Autor Aleks Wiercinski

Alexander Wiercinski ist deutsch-polnischer Autor und hat sein erstes Buch herausgebracht. © Natalie Junghof

Aleks Wiercinski ist deutsch-polnischer Autor und hat sein erstes Buch herausgebracht. © Aleks Wiercinski

In unserer neuen Rubrik „Deutsch-polnische Künstler“ stellen wir heute Aleks Wiercinski vor. Der 29-Jährige ist mit sieben Jahren nach Deutschland ausgewandert. Auf der Suche nach der eigenen Identität hat er viele Erfahrungen gesammelt und diese in seinem Roman „Die letzte Nacht des Matze Blitz“ festgehalten. Er schreibt in seinem Buch unter anderem über die Tücken der Integration, die Probleme des Erwachsenwerdens und die Gefahren der Freundschaft.

Inwieweit ist der Roman autobiographisch?

Ich würde sagen, er hat autobiographische Züge. Die Einschulung von Protagonist Matze Blitz hat sich auch bei mir nahezu genauso abgespielt. Alles darüber hinaus, möchte ich aber lieber im Dunkeln lassen. Wenn mir Freunde diese Frage stellen, antworte ich deshalb immer: „Das ist so, als würde ein zweitklassiger Magier seine Tricks verraten. Und ich bin kein zweitklassiger Magier, sondern ein drittklassiger Autor“.

Wie lange hast du an dem Buch gearbeitet?

Insgesamt vier Monate. Jeden Tag nach Feierabend, jedes Wochenende und jeden freien Tag. Bis es dann erschienen ist, hat es aufgrund von Verlagswechseln und Rechtsfragen noch einmal anderthalb Jahre gedauert. Die längste Achterbahnfahrt meines Lebens und ich bin wirklich nicht schwindelfrei!

Was unterscheidet deine Integrationsgeschichte von denen anderer Jugendlicher?

Vielleicht, dass meine Integration trotz großer Steine, die mir in den Weg gelegt wurden, relativ erfolgreich verlief. Jedenfalls im Vergleich zu vielen Migranten, die ich in meinem Leben kennengelernt habe. Dabei betrachte ich mich heute als jemanden, der nichts von sich aufgegeben hat, um sich zu integrieren. Irgendwelche vorgefertigten Etiketten, wie jemand sein sollte, der aus Polen nach Deutschland kommt, passen mir daher nicht. Ich bin weder Pole noch Deutscher noch Deutsch-Pole. Ich bin ich! Am ehesten noch der gezähmte Außenseiter.

Der Titel „Die letzte Nacht des Matze Blitz“ erinnert an den Zauberer einer populären Fantasy-Romanreihe. Ist diese Anspielung absichtlich gewählt?

Der Name kam dadurch zustande, dass meine Freunde den Namen des Protagonisten Mateusz Blizniak nicht aussprechen konnten. Dieses Ausspracheproblem kennen viele polnische Landsleute mit ihrem Namen. Aus dem für viele Deutsche komplizierten Namen habe ich deshalb einfach Matze Blitz gemacht. Das Symbol des Blitzes hat schon ein paar Jahre mehr auf dem Buckel als die erwähnte Romanreihe. Andererseits, wenn ich genauer darüber nachdenke, könnte Matze Blitz zaubern, säße er wahrscheinlich nicht in solchen Schwierigkeiten. Vielleicht ändere ich das bei der zweiten Auflage.

Das Buch „Die letzte Nacht des Matze Blitz“ handelt von den Tücken der Integration und die Probleme des Erwachsenwerdens. © Aleks Wiercinski

Das Buch „Die letzte Nacht des Matze Blitz“ handelt unter anderem von den Tücken der Integration eines Polen in Deutschland. © Zauberberg Verlag

Welche Vorteile gibt es für dich die deutsche und polnische Kultur in dir zu tragen?

Ich nehme die Perspektive des gezähmten Außenseiters an. Das bedeutet, dass ich Situationen und Dinge aus zwei Perspektiven betrachte. Außerdem habe ich den typisch polnischen Humor – Selbstironie bis zum Anschlag.

Wie hat dir das Schreiben bei der Findung deiner Identität geholfen?

Der Roman hat mir geholfen die Suche nach meiner Identität zu verarbeiten. Wobei ich jemand bin, der ständig nach sich selbst sucht, also ist der Prozess für mich nie abgeschlossen! Doch je älter ich werde, desto mehr glaube ich, dass Identität nichts Festes ist, sondern sie ist etwas, das wir selbst jeden Tag formen – mit jedem Schritt und jedem Wort. Es sieht also danach aus, dass meine Suche sich irgendwann bald als vergeudete Liebesmüh entpuppt. Dann lehne ich mich hoffentlich zufrieden zurück und sage: Ich bin das, was ich aus mir gemacht habe! Ich hoffe, dass Matze Blitz, außer zu unterhalten, vielleicht den einen oder anderen Leser in eine ähnliche Richtung stupst.

Sind weitere Romane geplant? Wenn ja, um was wird es inhaltlich gehen?

Es existiert tatsächlich ein weiterer Roman. Er ist bereits fertig. Es geht um zwei erfolglose Comedians, die auf mehrere Kisten voller Nazigold, also Gold und andere Kunstschätze die Nazis während des Krieges versteckt haben, stoßen. Mit dem Besitz des Nazigoldes legen sie sich mit dem organisierten Verbrechen an. Einer von ihnen ist Pole und besucht im Laufe der Handlung auch Warschau, um seinen verstorbenen Vater zu beerdigen. Tatsächlich geht es in diesem Buch um den Verlust von Identität. Diejenigen, denen „Matze Blitz“ gefiel, dürfen sich jedenfalls auf die Begegnung mit ein paar bekannten Figuren freuen. Der Roman soll im nächsten Jahr erscheinen.

Wie bist du zu der Veröffentlichung des Romas gekommen?

Ich habe ungefähr zweieinhalb Jahre Exposés mit unterschiedlichen Geschichten an zahlreiche Verlage geschickt. Irgendwann biss jemand bei der Geschichte von Matze Blitz an.

Welchen Tipp kannst du anderen jungen Autoren geben?

Lest viel. Sehr viel! Auch Bücher außerhalb eurer Komfortzone. Habt immer Briefmarken im Haus. Guckt über den Tellerrand und lehnt euch weit aus dem Fenster. Und was noch wichtig ist: Legt euch eine Engelsgeduld und eine dicke Hornhaut zu. Gebt nicht auf!

Über Aleks Wiercinski

Aleks Wiercinski ist 1985 in Olsztyn geboren. Er wohnt zurzeit in Mannheim und ist als Konzeptentwickler im Digitalbereich sowie in Sachen 3D Animation und Filmschnitt tätig. Für seine Arbeit gewann er gemeinsam mit Ron Flehmer den Deutschen Preis für Onlinekommunikation 2013. „Die letzte Nacht des Matze Blitz“ ist sein Debütroman.

Der Zauberberg Verlag 

Der Zauberberg Verlag wurde 2014 von Alexander Emmerich und Cristina Stanca-Mustea gegründet. In dem belletristischen Verlagsprogramm erscheinen Titel von vielen Autoren, die außerhalb der Bundesrepublik geboren wurden und heute fester Bestandteil der deutschen Gesellschaft sind. Ihre Erlebnisse in Zeiten des Mauerfalls, während des Zusammenbruchs des Kommunismus oder Krieges haben sie geprägt. So erzählen sie in Büchern von den Erfahrungen der Zuwanderung, Freundschaften, und der Besonderheit, ein Zuhause zu haben.

 


 „Deutsch-polnische Künstler“

In der Rubrik „Deutsch-polnische Künstler“ berichten Autoren, Musiker und andere Künstler über ihre Erfahrungen, die sie in Polen sowie Deutschland gemacht haben. Sie erzählen ihre Integrationsgeschichte, zeigen Vor- und Nachteile auf und beschreiben die Rolle beider Kulturen in ihrem künstlerischen Schaffen.

Wir suchen deutsch-polnische Künstler!

Bist auch Du in Polen und Deutschland aufgewachsen und hast Lust von deinen Erfahrungen zu berichten? Dann schreib uns. Wir freuen uns über Deine Nachricht an grenzenlos@polen.pl.

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